
Drei Monate bevor ich in einer Eliteschule in England mein Schlusszeugnis erhielt, hörte ich auf. Mit diesem Zeugnis hätte ich an jeder beliebigen Universität Elektronische Technik studieren können. Ich liebte das Studentenleben, und trotz der vielen Unterichtsstunden und stundenlangen Hausaufgaben fand ich gerade dieses Fach hochinteressant. So, warum aufhören? fragten mich meine Professoren und Mitstudenten. Ich weiss nicht, ob ich es selbst genau wusste – aber ich will versuchen, es zu erklären.
Es ging nicht nur um meine persönlichen Zukunftspläne. Eigentlich begann es schon vor über einem Monat, als wir von dem schrecklichen Erdbeben in Port-au-Prince/Haiti hörten, wo über 230.000 Menschen ihr Leben verloren. In wenigen Minuten war von der ganzen Stadt nur noch ein Trümmerfeld übriggeblieben.
Ständig neue Schlagzeilen und eine immer größer werdende Anzahl von Toten, Verletzten und Heimatlosen erschütterten uns. Als man immer noch mehr Leichen aus den Trümmern barg und in den Straßen aufschichtete, musste ich mich fragen: Warum geschieht so etwas? Wessen Schuld ist das?
Es gibt die üblichen wissenschaftlichen Erklärungen: Ein Erdbeben ist eine Naturkatastrophe. Port-au-Prince liegt an einer Verwerfungslinie. Die Insel Haiti besteht aus Gesteinsablagerungen, und das Ausmaß und die Intensität des Bebens trugen zu einer besonders starken Erschütterung des Untergrunds bei. Trotzdem kann man nicht nur die Natur dafür verantwortlich machen.
Durch das Erdbeben selbst kamen relativ wenige Menschen ums Leben. Es waren die zusammenstürzenden Gebäude, unter denen die Menschen begraben wurden. Als das Erdbeben geschah, stürzten viele der mangelhaft abgestützten Betondecken in sich zusammen und begruben alles unter sich. Die Überbevölkerung hatte Tausende von Menschen dazu gezwungen, in diesen Todesfallen zu wohnen – mit fürchterlichen Folgen.
Haiti ist das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre, und die Armut war zweifellos mit Schuld an der hohen Zahl von Todesopfern. Das führt zur nächsten Frage: Warum ist Haiti so arm? Die lange und komplizierte Geschichte Haitis erklärt einiges. Seit 1803 die Sklaverei durch einen Volksaufstand abgeschafft wurde, beherrscht ein unbarmherziger Imperalismus die Inselbewohner. Zuerst behinderten fremde Mächte das Land durch Blockaden. Später bot Frankreich an, die Handelsbeziehungen wieder aufleben zu lassen, verlangte dafür jedoch Entschädigung für den Verlust von Sklaven und Vermögen. Wucherzinsen für die gewährten Darlehen, Ausbeutung seiner landwirtschaftlichen Resourcen und wiederholte militärische Besatzung verhiessen gute Einkommen für ausländische Geschäftemacher zu Lasten der ausgebeuteten Landbewohner.

Wenn ich mir diese Geschichte zu Herzen nehme, dann fühle ich mich als Bürger einer westlichen Nation mitschuldig an Haitis Armut. Deshalb musste ich denken: „Was kann ich tun, um zu helfen?“
Die Antwort ist nicht einfach. Für mich, und vermutlich für die meisten Menschen, ist es praktisch undurchführbar und viel zu teuer, jetzt nach Haiti zu reisen und dort direkt zu helfen. Natürlich sind Geldzuwendungen immer von Nutzen, aber ich fühlte, dass eine viel tiefer greifende Umkehr von mir verlangt wurde. Es wurde mir klar, wie sehr ich in das soziale System der Ersten Welt verwickelt bin, das die Ursache ist für die Armut solcher Länder wie Haiti.
Das bezog sich praktisch auch auf meine Ausbildung, mit der ich ein fünfjähriges Universitätsstudium mit einer anschließenden gut dotierten Karriere anstrebte. Deshalb entschloss ich mich, meinem Leben eine Kehrtwendung zu geben, und anstatt für mein eigenes Wohlergehen für das Wohlergehen anderer zu arbeiten. Ich wurde angeregt durch die Geschichte des österreichischen Millionärs Karl Rabeder, der kürzlich all sein Geld für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellte, weil er einsah, „dass Geld das Gegenteil von dem bewirkt was es verspricht – es macht nicht glücklicher, sondern unglücklicher“. Demzufolge gab ich mein Studium und die Aussicht auf eine erfolgreiche, gewinnbringende Karriere auf. Stattdessen helfe ich freiwillig Menschen in meiner Nachbarschaft.
Auch versuche ich, als Zeichen der Solidarität mit den Erdbebenopfern meinen Lebensstandard herabzusetzen. So beschloss ich zum Beispiel mit ein paar Freunden, nur noch zwei Mahlzeiten pro Tag zu essen, und oft lassen wir auch das Abendessen weg. Das Geld, das wir dadurch sparen, geben wir an örtliche gemeinnützige Einrichtungen weiter, von denen einige auch in Ländern der Dritten Welt, wie z..B. Haiti, tätig sind.
Diese Schritte haben mich in der Tat glücklicher gemacht. Ich glaube nicht, dass ich viel zur Linderung der Not in der Welt beitrage. Und doch, wenn genügend Menschen sich von dem haitianischen Erdbeben betreffen liessen, könnte unsere Welt verändert werden. Wer weiss?