„Ich will wirklich jede Minute nutzen, die ich noch habe.“
Briefe von Carole
Dale und Carole schlossen sich vor über dreißig Jahren unserer Gemeinschaft an. Jahrelang kämpfte Carol gegen Depressionen, und auch wenn ihr medizinisch bis zu einem gewissen Grad geholfen werden konnte, gingen sie und Dale miteinander durch harte Zeiten. Aber das war noch nicht alles; vor einigen Jahren (1995) bekam sie die Diagnose: Brustkrebs. Es war ein ziemlich aggressiver Typ, aber da er noch nicht sehr ausgebreitet war und relativ früh entdeckt wurde, waren die Aussichten gut. Zwar hielten die Spezialisten eine Operation für ausreichend, aber Carole bestand darauf, trotzdem durch eine Chemotherapie zu gehen. Sie unterzog sich also der sehr schmerzhaften und entstellenden Operation und kämpfte sich dann anschließend durch die Chemotherapie – jede zweite Woche eine Dosis, und das sechs Monate lang.
Man garantierte ihr einen völligen Stillstand für einige Jahre. Aber schon 1998 bekam sie wieder Brustschmerzen, und eine Röntgenaufnahme zeigte, dass sich in den Lungen wieder Krebs gebildet hatte. Die Aussichten, selbst unter weiterer Therapie, waren sehr schlecht. Aber Carole war nicht bereit aufzugeben. Obwohl sie weitere Chemotherapien ablehnte, wurde das durch ihre innere Einstellung mehr als wettgemacht: Sie erkannte etwas viel wertvolleres – Ewigkeit. Ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht: wir alle werden eines Tages sterben. Und es ist eine der wichtigsten Lektionen, die wir zu lernen haben, dass unser Leben erst angesichts der Ewigkeit seine wahre Bedeutung hat, wie die folgenden Auszüge aus Carols Briefen zeigen:
20. März 1998
Ich weiss nun, dass sich der Krebs wieder sehr ausgebreitet hat. Dale und ich haben schon eine ganze Weile diesen Verdacht, denn ich hatte immer mal wieder starke Schmerzen in der Brust, und seit einem Monat habe ich solche Schmerzen, dass ich nicht mehr richtig sitzen kann. Aber selbst wenn es mit einer erneuten Chemotherapie eine kleine Aussicht auf Besserung gäbe, wollen wir die letzten Monate meines Lebens nicht damit verbringen, dass ich mich Tag und Nacht übergeben muss und total erledigt bin. Es ist keine leichte Entscheidung. Wir alle wollen ja „irgendwas tun“, aber vielleicht das Beste was wir tun können, ist auf Gott zu sehen und um Kraft, Frieden und Mut zu bitten – Mut zur Bereitschaft, alles was kommt zu ertragen. Und das ist es, was ich will. Wie du weisst, bin ich kein grosser Glaubensheld. Aber ich glaube fest daran, dass Gott heilen kann. Deshalb kann ich auch nicht beten, „Bitte schenke mir Heilung, wenn es dein Wille ist ...“, denn ich kann nicht glauben, dass er nicht heilen will. Ich habe noch nie im Evangelium gelesen, dass Jesus gesagt hätte, „ich will dich nicht heilen“. Aber ich kann es nicht wissen, was Gott für unser Leben plant. Alles was Dale und ich sicher wollen, ist, dass Gott mein Leben – unser beider Leben – in seiner Hand hat, und dass wir mit Herz und Seele alles annehmen wollen, was auch kommen mag. Bis dahin wollen wir von Herzen singen und fröhlich sein!!
Ich muss wirklich Zeugnis ablegen für die Kraft Gebets. Mein ganzes Leben war ein einziger Kampf gegen Depression und gegen Selbstmordgedanken und ich musste manchmal streng bewacht werden. Dann gab es auch wieder Zeiten, wo ich überdreht und unberechenbar war. Meine Gemeinde betete ständig für mich, selbst dann, wenn ich nicht die Kraft hatte, zum Gottesdienst zu gehen. Ich kann nur sagen, dass der Kampf für mich vor fünf Jahren siegreich beendet und meine Gemütskrankheit völlig überwunden wurde. Damals waren die Depressionen so stark geworden, dass ich nur noch den Wunsch hatte zu sterben. Das ist jetzt ganz vorbei, und das macht den Kampf gegen den Krebs sehr viel leichter. Niemand soll mich bedauern, denn ich kann nur sagen, dass eine grosse Freude in mir ist, und was ich jetzt im Kampf gegen den Krebs erlebe, ist nichts im Vergleich mit dem Kampf gegen die früheren Depressionen und Selbstmordgedanken.
25. Mai 1998
Wie du weisst, hasse ich fromme Worte, weil sie heutzutage so überstrapaziert sind. Doch ich freue mich einfach am Leben und denke, dass das Gottes Wille ist.... Aufrichtigkeit und Offenheit und herzliches Lachen kann mit den tiefsten Schmerzen fertig werden.... Ist so das Leben nicht stark und rein?
Ich hoffe, keiner hält mich für oberflächlich oder denkt, ich wolle die Realität nicht sehen. Die echte Realität zeigt sich auf vielfältige Weise. Ich habe so viele Jahre mit der „Realität des Todes“ verschwendet .... aber was auch kommt, es ist die Realität des LEBENS.
24. Juli 1998
Ich stehe so oft unter Druck von vielen Seiten, mich doch im Auto oder im Rollstuhl fahren zu lassen, aber jedesmal habe ich dann das Gefühl, dass dadurch ein Stückchen Leben von mir genommen wird. Ich möchte einfach leben und mich bewegen und laufen und gehen so lange ich kann (bis ich endgültig ans Bett gefesselt bin). Ich kann dir gar nicht sagen, was das für mich bedeutet, und ich habe das Gefühl, dass ich mich ständig gegen wohlgemeinte Hilfen verteidigen muss. Ich bin ja kein Waschlappen. Zwar werde ich jeden Tag etwas schwächer, aber dennoch will ich immer noch das meiste aus meinem Leben machen.
6. August 1998
Well, die alten Enzyme sind jetzt wieder auf dem Weg in die Leber und die Zeit wird knapper – wenigstens hier. Es hört sich dumm an, aber ich muss mich weiterhin mit der Frage des „Abschiednehmens“ beschäftigen, auch wenn ich dachte, das ist alles schon bewältigt. Das Gute daran ist, dass wir fühlen, wie wichtig die Zeit ist, die wir zusammen in der Familie verbringen... Wir halten so vieles für selbstverständlich und denken, dass es einfach immer so weitergeht. Es ist eigentlich wunderbar, wenn man spürt, dass dieses Leben ein Ende hat und ein neues anfängt. Dale las mir etwas vor von einem Freund, der sagt, dass „Ewigkeit die größte Realität ist.“ Sich klar zu machen, dass wir im Tod einander sogar näher sein werden (wenn man es so nennen will), ist ein grosser Trost.
21. August 1998
Bis vor ein paar Tagen sagte ich, dass ich keine Angst vor dem Tod und keine Schwierigkeiten damit habe. Ich bin sicher, dass ich das schon von vielen Leuten hörte. Aber in Wirklichkeit packte mich die Angst, mein Leben zu verlieren, Dale und die Kinder zu verlassen und wirklich vor Gott zu stehen. Auch wenn ich nicht viel Zeit damit verbringe, auf den Knien zu liegen, bitte ich doch ständig Gott darum mir zu zeigen, wo er ist und wer er ist. Und das hat auf sehr wunderbare Weise eine ganz neue Dimension in unser Zusammenleben gebracht; dass Gott nicht das beängstigende, fast schreckliche Wesen ist, das ich als Kind kennen lernte und vor dem ich immer Angst hatte, sondern dass es da eine unendliche Liebe und Wärme und Aufrichtigkeit gibt – ja, sogar einen wunderbaren Humor. Ich kann nur dankbar dafür sein.
Oft und oft haben wir zusammen übers Sterben gesprochen. Dale sagte, dass er zum ersten Mal Angst hatte, mich zu verlieren, als ich wegen eines Anfalls von schwerer Depression in eine geschlossene Abteilung gebracht wurde. Damals – so sagte er – befürchtete er, dass ich nie mehr „zurückkommen“ würde. Doch heute sind wir viel stärker miteinander verbunden, auch wenn es seither immer wieder schwierige Zeiten gab. Aber wer hat die nicht?
Dale und ich fühlen, dass wir wirklich die Tage und die Minuten nützen müsssen, die wir noch miteinander haben. Wir haben oft darüber gesprochen, wie wir wahrscheinlich viele Jahre unseres Lebens mit Groll und mit Streitereien über irgendwelche Unstimmigkeiten verschwendeten; oder es gab Probleme in unserer Ehe, weil wir nicht verständnisvoll und demütig miteinander umgingen. Wir machen auch heute noch die gleichen Fehler; aber so müssen wir einfach jeden Tag einen neuen Anfang machen.
Mein Tod wird für Dale nicht leicht zu tragen sein, aber durch die Einheit, die uns geschenkt ist, ist es auch ein großer Trost für uns beide, dass wir im Herzen eins sind. Wir freuen uns über die Gespräche und das Lachen der jungen Leute an den Abenden. Miteinander Reden und Lachen sind so kostbare Dinge und für jemand in meiner Situation so ermutigend.
Oft denke ich, ach, morgen machen wir dies oder morgen werde ich das erledigen; aber das macht keinen Sinn, denn wir haben kein „morgen“. Niemand von uns hat ein „morgen“. Wir haben nur heute, und wir haben nur den Menschen, der neben uns sitzt, den Menschen, mit dem wir gerade arbeiten. Das bedeutet mir viel – wirklich jede Minute zu nutzen, die ich noch habe.
Carol starb am 1. Dezember 1998 an Krebs,im Kreise ihrer Familie und ihrer Freunde.