
Kevin Swinger, ein Mitglied der Woodcrest Gemeinschaft in Rifton/New York, arbeitete nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Januar 2010 für die Hilfsorganisation „Save the Children“. Mit einem Team anderer Freiwilliger und Katastrophenhelfern wohnte er in einem Vorort von Port-au-Prince und berichtete uns regelmäßig, was er erlebte:
Donnerstag, 21. Januar 2010Zusammen mit einigen anderen Freiwilligen kam ich heute in Haiti an. Es war sehr, sehr heiss. Als erstes luden wir die Hilfsgüter aus, die wir mitgebracht hatten, und verstauten sie auf zwei Lastwagen. Wir fuhren zum Hauptquartier der Save the Children in Petion-Ville im Südwesten von Port-au-Prince. Es ging steil hinauf auf den Hügel, wo das Hauptquartier liegt. Auf dem Weg sahen wir die Zerstörungen; viele Gebäude waren eingestürzt, und überall standen Zelte und ganze Zeltstädte. Die Abwässer liefen einfach runter ins Tal. Kinder kamen angerannt und klopften an die Fenster unseres Wagens. Sie wollten uns alles Mögliche verkaufen, oder fragten einfach nach Wasser. Es war unglaublich, all das Elend und die Armut zu sehen. Der einheimische Fahrer erzählte uns, dass er seinen 22-jährigen Sohn im Erdbeben verlor.
Nach einer hektischen Fahrt durch all den Verkehr und durch Massen von Menschen erreichten wir schließlich das Gelände der Organisation. Es liegt ziemlich weit oben auf einem Hügel, und von dort oben sahen wir erst das ganze Ausmaß der Zerstörung. Die nähere Umgebung ist so gut wie platt gewalzt und sieht noch viel schlimmer aus als das, was wir auf unserer Fahrt gesehen hatten. Doch auf dem Gelände selbst war nur ein Stück der umgebenden Mauer eingestürzt. Den Rest des Nachmittags verbrachten wir mit dem Aufbau von Zelten und den Vorbereitungen für den kommenden Tag. Schon um 22 Uhr erlebten wir unser erstes Nachbeben.
Freitag, 22. Januar 2010
Um 2 Uhr morgens wurde ich wieder von einem ziemlich schweren Nachbeben geweckt. Alles im Zelt rutschte von einer Seite zur anderen; ein unheimliches Gefühl. Draussen hörte man Hunde bellen und Menschen schreien. Ich war noch auf dem Gelände, als es um 8 Uhr wiederum ein Nachbeben gab. Täglich beschäftigt Save the Children Ortsbewohner als Hilfskräfte. Sie sind noch so traumatisiert, dass sie bei jedem Nachbeben schreiend ins Freie rennen.
Hier auf dem Gelände packten wir heute morgen zusammen und fuhren in zwei verschiedene Krankenhäuser. Save the Children konzentriert sich auf die regelmäßige Versorgung der zwei schwer zerstörten Stadtteile Léogane und Jacmel. Ich konnte die medizinischen Hilfsgüter, die ich von zuhause mitgebracht hatte, sicher in ein Krankenhaus bringen, wo sie voller Dankbarkeit angenommen wurden.
Ich reparierte dann einen Wassertank auf dem Dach eines unserer Gebäude. Die Rohre waren entzwei und mussten ersetzt werden. Später sortierten wir dann die Hilfsgüter, die neu hereingekommen waren und bestellten in Miami für den nächsten Tag Werkzeuge und Ersatzteile, so dass sie hier ihre Lastwagen reparieren können, die sie für die Hilfslieferungen brauchen. Ich war den ganzen Tag beschäftigt, und es gibt sehr, sehr viel zu tun.
Samstag, 23. Januar 2010
Um 8 Uhr hatten wir eine Einsatzbesprechung für Mitglieder und Freiwillige. Um 9 Uhr fuhren wir wieder los nach Léogane, um grosse Zelte als Lagerräume aufzustellen. Zu unserem Auftrag gehört es, örtliche haitianische Arbeiter anzustellen, sie anzuleiten und ihnen beim Aufstellen der Zelte zu helfen.
Wir brauchten fast zwei Stunden, um an unseren Bestimmungsort zu kommen, denn überall gab es Stockungen und Riesenmengen von Menschen und Trümmern. Léogane ist zu 90 % zerstört. Die Häuser, die noch stehen, zeigen schwere Gebäudeschäden. Die Straßen sind vielfach beschädigt, und an den Straßenrändern schlafen die Menschen in Zelten. Ich sah Frauen vor ihren Behelfsunterkünften das Wenige, das ihnen noch verblieben ist, in kleinen Eimern waschen. Nachdem wir endlich beim Krankenhaus angekommen waren, fingen wir an, ein riesiges Zelt aufzubauen. Den ganzen Tag lang arbeitete ich zusammen mit den geworbenen Arbeitern. Diese örtlichen Arbeiter werden vor allem deshalb angeheuert, damit sie Geld für die dringendsten Bedürfnisse verdienen und um sie zu beschäftigen. Die Arbeit ist wirklich schwer, aber sie sind sehr dankbar für jede Art von Verdienst.
Bis etwa 4 Uhr nachmittags arbeitete ich beim Zeltaufbau. Dann machte ich mich auf den zweistündigen Weg zurück zu unserem Quartier. Unterwegs beobachtete ich einige Hunde, die in die Ruinen krochen, um nach Essbarem zu suchen. Überall herrscht ein schrecklicher Gestank. Endlich zuhause angelangt, wurde ich nach der Abendbesprechung vom Direktor in dessen Haus eingeladen. Dort konnte ich sogar duschen – das erste Mal seit meiner Ankunft. Was für eine Wohltat!
Sonntag, 24. Januar 2010
Das Erste heute morgen war ein Vorfall drunten beim Eingangstor. Die Ortsbewohner blockierten die Straße. Unser ganzes Gelände war von Menschenmassen umringt. Es herrscht immer noch ein riesiger Bedarf an Nahrung und Wasser. Später entspannte sich die Lage und ich konnte mit anderen Freiwilligen nach Léongane losfahren. Auf der Fahrt heute fiel uns auf, dass die vom Erdbeben verursachten Straßenrisse mit jedem Nachbeben breiter werden. Einige der Risse waren schon fast 15 cm breit. Später gab es einen 15-minütigen Stau, weil erneut Trümmer auf die Fahrbahn gestürzt waren. Das Militär war mit riesigen Planierraupen da, um sie zu beseitigen.
Den ganzen Tag half ich weiter beim Zeltaufbau. Es war unglaublich heiss und trocken; beinahe 50° C. Aber ich war dankbar, dass ab und zu eine leichte Brise wehte. Andere Freiwillige halfen beim Einsetzen eines Fensters in ein Gebäude, das zur Kinderbetreuung vorgesehen ist. Ein paar Männer spielten mit den Kindern und brachten sie zum Lachen. Das war wirklich ein gutes Gefühl, diese Kinder, die sonst einfach trübe vor sich hin starrten, einmal wieder lachen zu sehen,.
Montag, 25. Januar 2010
Nach der Morgenbesprechung wurde ich zum Aufbau eines Lagerhauses eingeteilt. Aber da unser Hauptgenerator hier den Geist aufgegeben hatte, musste ich erstmal zurück bleiben und ihn in Ordnung bringen. Auch waren neue Ersatzteile aus Miami zu bestellen. Das kostete ziemlich viel Zeit, sodass ich praktisch den ganzen Tag hier zu tun hatte. An jedem Abend treffen wir uns mit den Mitgliedern von Save the Children zum Bericht und zum Planen für den nächsten Tag.
Dienstag, 26. Januar 2010
Heute morgen hatten wir eine Gedenkfeier. Es ist nun zwei Wochen her seit dem Erdbeben. Es war besonders schwer für eine Reihe der Mitglieder, die immer noch traumatisiert sind. Um 10.30 Uhr machten wir uns nach drei verschiedenen Plätzen auf: Croix Des Bouquets, Saint-Louis de Gonzague und Fort National, um mehr Zelte aufzustellen.
Auf dem Weg von St. Louis kamen wir am Präsidenten-Palast vorbei. Er ist völlig zerstört. Überall waren Massen von Menschen und wir sahen, wie die UN mit Tränengas gegen eine ziemlich aufsässige Menge vorging.
Beim Palast hatte es offenbar einen Aufstand gegeben, als Nahrungsmittel ausgegeben wurden. Ich sah große Feuer und eine Menge Rauch. An einigen Plätzen brannten Autoreifen, und als die Gewalt sich zuspitzte, machten wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub. Später hörten wir, dass die Menschen, die nichts bekommen hatten, mit Steinen nach den Lastwagen warfen, als alles verteilt und nichts mehr übrig war. Das war die Ursache des Aufstands.
Wir stellten den ganzen Tag Zelte auf.
Mittwoch, 27. Januar 2010
Eine Stunde nach der Morgenbesprechung fuhren wir los zu zwei weiteren Plätzen, die noch Zelte brauchten. Ein Lehrer gab dort Unterricht für einheimische Kinder, und die Kinder kamen und guckten uns zu beim Zeltaufbau. Sie freuen sich immer, wenn sie uns sehen, und hoffen, dass wir uns etwas Zeit für sie nehmen. Heute kamen einige rüber zu mir und baten um Wasser. Es macht mir jedesmal das Herz schwer, weil ich weiss, wenn ich einem Kind Wasser geben würde, dann würden sie alle etwas haben wollen , und dafür habe ich nicht genug.
Ich sehe mehr und mehr, dass Hilfe gar nicht schnell genug kommen kann. Die Leute werden langsam wütend über die Situation, das Fehlen von Nahrung und Wasser. Es ist ein riesiges Problem.
Am Ende des Nachmittags kam unser Team zurück zu unserem Gelände und sofort machten wir uns wieder bereit für die nächste Aufgabe. Es wurde schon dunkel, kurz nach 5 Uhr, und weil wir in der Dunkelheit unseren Platz nicht mehr verlassen dürfen, blieben wir da. Die Arbeit muss bis morgen warten.
Donnerstag, 28. Januar 2010
Für heute war geplant, dass wir mit einigen anderen Freiwilligen noch mehr Zelte aufstellen sollten. Das erste direkt hier bei uns auf dem Gelände. Diese Zelte sind „Klinikzelte“, also so etwas wie ein mobiles Krankenhaus. Die Ärzte versorgen darin all die verschiedenen Patienten die gebracht werden.
Als nächstes sollten wir ein weiteres Klinikzelt im Zentrum von Port-au-Prince, beim Théatre National aufstellen. Aber die Zufahrt zu unserem Gelände war blockiert. Die Anwohner hatten Trümmer und Gerümpel aufgetürmt, um die Straße zu sperren. Sie waren aufgebracht, dass wir sie nicht angeheuert hatten. Es sind immer viel zu viele Menschen, die Arbeit suchen, um etwas zu verdienen. Den ganzen Tag stehen sie draußen am Tor, warten und hoffen. Jetzt drohten sie mit Gewalt, wenn wir sie nicht anstellen. Einige Vertreter von Save the Children sprachen mit ihnen und schafften es, dass sie die Zufahrt räumten. So konnten wir schießlich losfahren.
In Port-au-Prince sahen wir viele Plätze, auf denen Abfall verbrannt wurde. Es war ein ernüchternder Anblick. Sogar Leichen wurden in die brennenden Müllberge geworfen, und man sah Skelettreste. Man sagte uns, dass sie die Leichen, die nicht weggeholt worden waren, verbrennen, weil die Leute den Gestank nicht mehr ertragen können.
Später stellten wir noch zwei weitere Krankenhauszelte auf; eins in Lakou Isa, Carrefour Feuillet, und das andere am Place St. Pierre in Petion-Ville. Man hatte angefangen, den Schutt von den Straßen zu entfernen. Weil es noch nicht geregnet hatte, war es schrecklich staubig. Eigentlich ist es ja gut, wenn es nicht regnet, weil so viele Menschen in Zelten leben, die sie einfach aus Zweigen und ein paar Decken zusammengebaut haben. Ein Regen würde die sowieso schon schrecklichen Lebensbedingungen noch verschlechtern.
Freitag, 29. Januar 2010
Heute sollte ich Beleuchtung in einem Lagerhaus montieren und einen Stromgenerator anschließen. Die Fahrt zum Lagerhaus verlief wie üblich; viel Verkehr, blockierte Straßen und Menschenmengen. Wir fuhren an einer Kirche vorbei, in der gerade ein Gottesdienst stattfand und sahen viele Menschen in und außerhalb der Kirche – singend und tanzend und händeklatschend. Ihre Unverzagtheit und Zuversicht in so einer Zeit von Not und Leiden war wirklich erstaunlich.
In diesem Lagerhaus war ich noch nie gewesen, so sah ich auf der Fahrt dorthin noch mehr Gebiete, die vom Erdbeben betroffen waren. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, ob diese Zerstörung ueberhaupt irgendwo aufhört.
Das gemietete Lagerhaus ist schön groß. Es ist hier viel einfacher, all die Lastwagen zu zu be- und entladenund die Weitergabe der Güter zu organisieren. Viele Organisationen wie UNICEF bringen Hilfsgüter zu diesen Lagerhäusern, deshalb ist eine gute Koordination und Zusammenarbeit sehr wichtig.
Der Generator, den wir angeschlossen haben, wird die Verbindung zwischen dem neuen Lagerbüro und dem Hauptquartier von Save the Children ermöglichen. Das ist ein großer Fortschritt. Von diesem Lagerhaus aus werden die Hilfsgüter dann überallhin in den Süden von Haiti weitergeleitet.
Samstag, 30. Januar 2010
Der letzte Abend war lang und anstrengend, weil außerhalb des Geländes wieder viel los war und man kaum zum Schlafen kam.
Heute sollte ich weiter beim Zeltbau mithelfen, aber die Zufahrt war wieder blockiert worden, und diesmal konnten wir die Ansässigen nicht dazu bringen, den Weg freizugeben. So half ich hier auf dem Gelände mit, einige notwendige Dinge zu erledigen; z.B. wechselte ich an einem der Lastwagen einen Reifen aus. Alle ihre Fahrzeuge werden dringend gebraucht, um die Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen. Es ist daher ein grosser Verlust, wenn auch nur eines ausfällt. Danach habe ich weiter der Verkabelung des Generators gearbeitet, um das Lagerhaus noch besser mit Licht zu versorgen.
Sonntag, 31. Januar 2010
Wieder eine schlaflose Nacht wegen all der Schießerei draußen. Heute blieben wir alle hier, weil es nicht sicher war rauszugehen. Ich arbeitete etwas an der Umfassungsmauer, die durch das Erdbeben beschaedigt worden war. Einige Außenlampen waren irreparabel beschädigt, also mussten die Leitungen abgetrennt und isoliert werden, damit sich niemand einen elektischen Schlag holen konnte.
Ein junger Haitianer namens Tony arbeitet hier auf dem Gelände. Er kam zu mir und fragte mich in gebrochenem Englisch, ob ich bald heimfahren würde. Ich sagte ja; ich müsste bald wieder fahren. Dann fragte er, ob ich zurückkommen und ihn wiedersehen würde. Ich musste nein sagen, denn ich würde ja voraussichtlich nicht wieder kommen. Da fing er an zu weinen. Ich stand zusammen mit einigen anderen Freiwilligen; und daher baten wir ihn, er solle uns erzählen, was los ist. Er ging kurz rein, und als er wieder rauskam zeigte er uns das Foto eines jungen Mannes, der genau so aussah wie er. Er sagte, das sei sein Bruder, der im Erdbeben umgekommen ist. Wir konnten nur sagen, dass es uns leid tut. Tony wurde von Schluchzen nur so geschüttelt. Es war herzzerreissend, und alles, was wir tun konnten, war, mit ihm zu weinen.
Am Abend gegen 8 Uhr fingen einige Haitianer aus der Umgebung an, Leichen zu verbrennen, die sie gerade aus einem der zusammengestürzten Häuser direkt gegenüber von unserem Gelände geborgen hatten. Es war ein schrecklicher Gestank. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so etwas Schreckliches gerochen; das werde ich nie vergessen.
Donnerstag, 4. Februar 2010
Jetzt, wo ich wieder zuhause bin, weiss ich, dass das, was ich in Haiti erlebte, mein Leben verändert hat. Wer diese Zerstoerung nicht selbst gesehen, den Tod gerochen und die Verzweiflung kennengelernt hat, mit der die Menschen in Haiti jetzt leben, dem werden alle Fotos, Videos und Berichte niemals die Wirklichkeit des Leidens dort vermitteln können Wir müssen sie weiterhin unterstützen und für sie beten, denn auch wenn die Medien kaum mehr über Haiti berichten, ist das Leiden dort ungeheuer – und es geht weiter.